Hamburg: Grüner Ring (6 + 7). Veddel – Stillhorner Hauptdeich – Harburg

Ein weiterer Abschnitt meiner Wanderung auf dem 2. Grünen Ring rund um Hamburg. Es ging durch meine erweiterte Homezone, denn ich kenne mich in Hamburg wohl kaum besser aus als auf der Elbinsel Wilhelmsburg und in den Stadtteilen südlich der Elbe.

ring-komoot

Ganz ehrlich, früher habe ich den Süden Hamburgs gar nicht zur Kenntnis genommen. Wo soll das denn sein? Langweiliger geht’s ja wohl kaum. Aber wenn günstiger Wohnraum wichtig wird, kann sich die Perspektive ändern. Zum Beispiel im Studium. Und – schwups – kann es dich über die Elbe nach Süden wehen und du bleibst kleben, schlägst neue Wurzeln. Und bei genauerer Betrachtung finden sich dann doch mehr liebenswerte Perlen als gedacht. Ein paar davon begegneten mir auch wieder auf der dieser Tour.

Klar, echte Süderelben fahren natürlich von Süden in die Stadt. So kam es, dass ich mit der S-Bahn von Süden zur Veddel unterwegs war. Aber eine Station vorher war wegen Bauarbeiten schon Schluss. Schienenersatzverkehr – och nö, schon wieder. Also habe ich mich spontan entschlossen, die kurze Strecke mit einem StadtRad zu fahren. Diese Leihfahrräder sind in Sachen Mobilität eine der genialsten Erfindungen der vergangenen Jahre. Herrlich flexibel und es ist toll, wie zuverlässig das alles organisiert ist. Bei der Ankunft sah es ganz so aus, als ob wahre Menschenmassen mit dem Rad zur Veddel fahren und den Ort dann nie wieder verlassen. Jedenfalls nicht mit dem StadtRad. Es standen da so viele rote Räder rum, dass die halbe Stadt leergefegt sei musste.

stadtrad

Damit es auf dem Grünen Ring landschaftlich schöner wird, mussten erstmal die paar Meter zur Wilhelmsburger Dove Elbe zurückgelegt werden. Wie so manches Mal im Süden Hamburgs war dabei wieder ein Verkehrsknotenpunkt im Weg. Unten brausen die Autos über die Stadtautobahn und neben einem der Bahnverkehr über sechs oder mehr Gleise, ich habe sie nicht gezählt. Aber es ist ein super Standort für Trainspotter. Also, wem noch eine Güterlok oder ein Personenzug in der Sammlung fehlt: Here we go.

bahn

Der Spätsommer zeigte sich von seiner schönsten Seite und viele Leute nutzten die Gelegenheit, um noch mal so richtig raus an die frische Luft zu kommen. Die Dove Elbe gleich neben dem Wanderweg ist ein wahres Eldorado für Wassersportler. Ein bisschen neidisch schaute ich zu den Kanufahrern hinüber, die alleine, zu zweit oder gleich mit der ganzen Familie in aller Ruhe und fast lautlos durch das Wasser glitten. Was für eine Idylle, das könnte mir auch gut gefallen. Aber heute hatte ich mich ja für festen Boden unter den Füßen entschieden.

wilhelmsburger-dove-elbe

Um die mehr oder weniger prekären Gegenden von Wilhelmsburg macht die Tour ja einen Bogen. Sie führt stattdessen durch den gemütlichen Teil der Elbinsel. Und bei keinem Überblick der Attraktionen Wilhelmsburgs darf die Windmühle Johanna fehlen, sicher eines der ganz besonders prägnanten Gebäude. Ich hatte Glück und es war Tag des offenen Denkmals. Der Windmühlenverein hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, die Ehrenamtlichen zeigten das gut erhaltene Innenleben der Mühle und mit welchen Maschinen Mehl gemahlen wird oder wie Haferflocken entstehen. Im Sommergarten des Mühlencafés gab es leckeres Selbstgebackenes und eine gute Tasse Kaffee. Nur mit dem Wind wollte es nicht so richtig hinhauen. Totale Flaute, kein Stück Bewegung in den Flügeln. Zum Glück ließ sich das Mahlwerk auch elektrisch in Bewegung setzen und mit einem monotonen Wummern zeigte die Maschinerie, dass sie immer noch ordentlich was drauf hat.

Von der Mühle ging es dann raus in den landwirtschaftlich geprägten Teil der Elbinsel. Hier wohnen ein paar Leute, die sich über beides freuen können: Sie leben in der Großstadt und können trotzdem die Pferde auf der eigenen Weide hinter dem Haus haben. Auch nicht schlecht, dachte ich. Wenn das keine gute Lage ist.

Bald darauf ging es auf den Deich und die Norderelbe entlang. Ich liebe das. Schafe waren natürlich auch da und haben dafür gesorgt, dass das Gras auf der Deichkrone schön kurz war und das Gehen sehr leicht fiel. Asphalt hatte ich schon genug unter den Füßen, da kam eine kleine Abwechslung gerade recht.

kreetsand

Vom Deich hat man einen guten Blick auf das Projekt Kreetsand, mit dem aus einem alten Spülfeld ein Naturschutzgebiet und zusätzlicher Flutraum für die Elbe geschaffen werden soll. Ob das mal so reizvoll und wertvoll wird wie das Heuckenlock gleich in der Nähe? Jetzt sah es eher aus wie eine Mischung aus Baugrube und einer Teichanlage für die nächste Gartenschau. Aber die Idee ist natürlich sehr sympathisch, hier einen Teil der Auenlandschaft wiederzubeleben. Hoffentlich wird was draus, wenn es mal groß ist.

Da der Weg zur Bunthäuser Spitze und zum Stromspaltungsgebiet der Elbe für die Tour wohl zu weit ist, biegt er vorher ab und führt von der Norderelbe direkt zur Autobahnbrücke über die Süderelbe. Die ist für Wanderer ein recht zweifelhaftes Vergnügen. Einerseits hat man als Fußgänger nicht viel Spaß daran, direkt neben einer richtig breiten Autobahn herumzulaufen. Andererseits gibt es von der Brücke aus den besten, wunderbaren Blick auf das Naturschutzgebiet Heuckenlock. Aber es fällt nicht leicht, das Verkehrsgetöse auszublenden. Zum Glück dauerte es nicht lange und ich war die blöde Autobahn wieder los.

wilhelmsburg

Wie hat es Stefanie gerade in ihrem schönen Bericht von den ersten beiden Etappen des Grünen Rings beschrieben? „Es geht durch Kleingärten. Kleingärten. Und Kleingärten.“ Genau, und das trifft auch für einige Abschnitte in Harburg voll und ganz zu. Erstaunlich nur, wie unterschiedlich die Kolonien sind. Du gehst auf die andere Straßenseite und die Athmosphäre ist auf einmal komplett anders. Gerade noch chaotisch und an diesem Spätsommertag voller bester Partylaune, und dann plötzlich ein Stilleben der 70er Jahre mit akkurat geschnittenen Hecken und einer Ordnung, von der ich gar nicht wissen will, wie viel Zeit man dafür aufbringen muss. Aber die Tage der echten Klassiker sind vielleicht gezählt, jedenfalls hier. Auffällig war, dass manche Parzellen wohl schon längere Zeit leer standen. Liegt es an mangelndem Interesse? Ich dachte, Kleingärten sind gerade wieder richtig beliebt. Oder muss das Gelände womöglich aufgegeben werden? Ich hätte das gerne rausgefunden, konnte aber niemanden finden, den ich danach fragen konnte.

Am Neuländer See war Hochbetrieb auf der Wasserski & Wakeboard-Anlage. Kein Wunder, es war schönstes Wetter und außerdem Sonntag, die Leute wollten kurz vor Saisonschluss noch mal rauf auf die Bretter. Der Betreiber sagt, dass diese Schlepp-Anlage die einzige Möglichkeit ist, in Hamburg Wasserski zu fahren. Hier zogen ein paar echte Profis ihre Runden und sprangen dabei auch noch locker über extra aufgebaute Hindernisse. Eine tolle Show. Für andere Leute war aller Anfang schwer, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wer nicht im richtigen Moment das Gleichgewicht im Griff hat, wird beim Anziehen der Schlepp-Anlage völlig humorlos vom Brett gefegt. Es folgt ein beherzter Sprung ins Wasser und dann muss die Ausrüstung dort wieder eingesammelt werden, wo es losging: Am Startpunkt.

Der weitere Weg durch Harburg hindurch war dann eher unspektakulär. Für Freunde alter Industrie-Architektur noch ganz interessant sind vielleicht die Gebäude der traditionsreichen Phoenix-Werke, die in den vergangenen Jahren immer mehr Fläche abgegeben haben. Für ein großes Einkaufszentrum, aber auch eines der eindrucksvollen Gebäude für die Sammlung Falckenberg. Hier kommen Freunde der Gegenwartskunst voll auf ihre Kosten.

phoenix

Im Harburger Stadtpark war die Etappe dann für mich beendet. Eigentlich wäre es noch ein Stück weitergegangen, aber da ich hier zuhause bin, habe ich dann doch lieber die Füße im Garten hochgelegt. Zufrieden verputzte ich ein Eis, dass ich völlig überraschend in den Tiefen des Tiefkühlfachs gefunden habe. Lecker.

harburger-stadtpark

 

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