Hamburg: Grüner Ring (8). Finkenwerder – Heimfeld

Stadtwanderungen sind immer interessant. Selbst in der Heimatstadt ergeben sich neue Perspektiven und es zeigen sich Winkel, von denen man vorher nicht mal was geahnt hat. Das Aufeinandertreffen von Urbanität und Grün innerhalb des Stadtgebietes hat einen ganz besonderen Reiz. Aber man muss diese Mischung definitiv auch mögen und offen sein für Brüche – und für die mehr oder weniger unvermeidlichen spröden Streckenabschnitte.

Aus dem gut ausgebauten Streckennetz für Stadtwanderungen in Hamburg habe ich mir den Grünen Ring herausgesucht. Es ist insgesamt etwa 100 Kilometer lang und durchquert alle Landschaftstypen, die eine Großstadt wie Hamburg zu bieten hat. In einem ziemlich großen Bogen führt dieser Weg um die Innentstadt herum. Genau genommen handelt es sich um den 2. Grünen Ring – denn es gibt auch noch einen deutlich kleineren 1. Grünen Ring, der in der Innenstadt auf dem ehemaligen Wallring verläuft.
komoot

Für den Grünen Ring werden 8 Etappen vorgeschlagen. Aber das ist natürlich nur eine Orientierungshilfe, denn durch die gute Verkehrsanbindung kann jeder so planen, wie es am besten passt und Spaß macht.

Meine erste Etappe führt von Finkenwerder nach Heimfeld, im offiziellen Plan ist das die achte und letzte Etappe.

fähre

Startpunkt ist der Fähranleger Rüschpark, wasserseitig gut zu erreichen mit den Fährlinien 62 und 64.  Es gibt aber auch eine Alternative mit dem Bus 146 von Harburg aus. Für diese Variante habe ich mich entschieden. Nicht zuletzt, weil der Bus die Strecke in entgegengesetzter Richtung zu meiner geplanten Etappe fährt. Da konnte ich mir also schon mal eine Preview davon anschauen, was zu Fuß auf mich zukommen würde. Und ehrlich gesagt habe ich zwischendurch daran gezweifelt, ob das wirklich eine gute Wanderung wird. So viel Industrie in diesem Hafen- und Airbus-Gebiet, fette Straßen und dann diese hässlichen Riesenhallen der Logistiker überall. Kein guter Ort für Wanderer – hoffentlich haben die Streckenplaner ein paar gute Tage gehabt und sich was Schönes ausgedacht. Aber egal, jetzt wollte ich’s wissen.

Vom Fähranleger aus führt der Weg in einem Schlenker über eine kleine Halbinsel mit dem Gorch-Fock-Park, auf der auch der Fähranleger Finkenwerder liegt. Eigentlich eine richtig tolle Lage so direkt an der Elbe, mit einem super Blick flußaufwärts zum Hamburger Hafen. Aber irgendwie scheint Finkenwerder ein vergessener Stadtteil zu sein, in dem die Zeit ein bisschen langsamer vergeht und alles etwas später kommt. Bestes Symbol dafür ist das Restaurant Finkenwerder Elbblick. So was Spießiges habe ich wirklich lange nicht mehr gesehen. Gehobenes und gepflegtes Niveau, aber eine Ausstattung wie in Hochzeitslokalen vor dreißig Jahren auf dem platten Land. Ich stelle mir vor: Viel Drumherum und Anstand, Kaffee in Kännchen, dazu klassische Küche und ein Preisniveau, dass sehr viel mehr zum Drumherum passt als zu den Qualitäten der Küche.

Alte Süderelbe

Auf Wohnstraßen geht es aus dem Ort hinaus und es tauchen bald die ersten Obstplantagen auf. Sehr schön ist der Abschnitt am Osterfelddeich, der auf einem alten Deich entlangführt.

Häuser am Deich

Alte Häuser schmiegen sich an die künstliche Erhebung an und direkt dahinter beginnen die Wiesen mit Obstbäumen, aufgereiht wie Perlen auf der Schnur und so weit man sehen kann. Am Horizont erinnern die Silhouetten riesiger Kräne und Containerbrücken ständig daran, dass sich östlich der Etappe überall der Hafen ausbreitet.

Am Ortsausgang von Finkenwerder wartet dann die einzige nennenswerte Wegstrecke der ganzen Etappe, die wirklich direkt neben einer stark befahrenen Straße verläuft. Auch die Radfahrer geben hier ordentlich Gas, man muss gut auf sich und die anderen aufpassen. Nördlich der Straße liegt hinter einem hohen Damm und gut versteckt ein Spülfeld für den Hafenschlick. Das fühlt sich gar nicht so gut an. Zum Glück biegt der Weg hinter der Alten Süderelbe ab und führt wieder durch ein Obstanbaugebiet Richtung Francop.

Obstplantage

Es ist klar, dass viele Obsplantagen effektiv bewirtschaftet werden und die Bäume deshalb maschinentauglich angepflanzt und beschnitten werden müssen. Um so überraschter war ich, dass es auch noch große Wiesen mit Obstbäumen gibt, die ganz offensichtlich mehr oder weniger in Ruhe gelassen werden und so richtig vor sich hin altern dürfen. Der Weg führt an einer solchen vorbei und ich war schwer beeindruckt von den mächtigen, mit Unmengen von Obst vollgepackten Bäumen.

Birnen

In Hohenwisch geht es auf dem Deich am Flutdenkmal „Die Wellenwand“ aus dem Jahr 2002 vorbei. Das Denkmal erinnert an die verheerende Sturmflut von 1962, als der Deich an genau dieser Stelle auf einer Breite von 80 Metern zerstört wurde. Bei dem Deichbruch wurden die Häuser einfach weggespült und das hereinströmende Wasser fraß mit gewaltiger Kraft ein mehr als 10 Meter tiefes Loch in das Land hinein. Der Deich ist längst repariert, aber das neu entstandene Brack wurde nie aufgefüllt und erinnert bis heute an die ungeheure Kraft, die eine Sturmflut entfalten kann.

hohenwisch

Wie Francop ist auch das direkt anschließende Moorburg ein klassisches Straßendorf. Es gibt zunächst mal einen Deich und daneben eine Straße. An manchen Stellen stehen die Häuser auf beiden Seiten der Straße, dann ist zwischen Deich und Straße natürlich ziemlich wenig Platz. Entsprechend dicht sind manche Häuser direkt an den Deich herangebaut, sie verwachsen fast mit ihm zu einer Einheit. Von der Deichkrone aus sieht man dann nicht viel mehr als das Dach. Durch die Enge nutzen die Anwohner an einigen Stellen jeden Platz, und da muss man auf dem Weg dann durch. Fühlt sich fast so an, als ob man den Leuten durch den privaten Hinterhof laufen würde.

verwunschener garten

Auf der vom Deich abgewandten Seite der Straße ist natürlich mehr Platz für repräsentative Höfe und Gebäude, die viel Land hinter sich im Rücken haben.

obsthof

Von Moorburg ist aber nur kurz etwas zu sehen, dann biegt der Weg schon wieder ab in Richtung Moorgürtel. Eine Erinnerung an Moorburg ist an vielen Stellen der Etappe das umstrittene Kohlekraftwerk, das diesen Ort in seinem Namen trägt. Immer wieder lugt es zwischen den Bäumen hervor. Und wenn man seinen Schlot nicht gleich direkt sieht, dann verrät wenigstens die große Dampfwolke, wo das Kraftwerk sich gerade versteckt.

kraftwerk

Auf dem Moorburger Hinterdeich geht es nun schnurgerade in Richtung Harburg. Hier ist es komplett vorbei mit dem kultivierten Obstanbau. Es geht durch spärlich bewirtschaftete Wiesen und Weiden. Das ist nicht unbedingt der spannendste Weg, aber immerhin erspart es dem Wanderer Industriegebiete oder öde Abschnitte an vielbefahrenen Straßen. Hier ist es schön ruhig und außer ein paar Radfahrern rein gar nichts los. Um noch mal auf meine Befürchtung zurückzukommen, dass die Tour nicht richtig grün werden könnte: Die ist vielleicht viel grüner als manch andere Etappe auf dem Grünen Ring. Anscheinend ist in dieser Gegend Hamburgs noch genügend Natur übrig, um einen vernünftigen Weg hindurch zu schlängeln.

Hinter Bostelbek dann ein letztes Stück Straße, bevor der Weg mit Meyers Park Harburg erreicht. Bis zur S-Bahn ist es nun nicht mehr weit. Erst ein paar Wohnstraßen mit den schicken Villen reicher Bürger am Waldrand, dann klassicher städtischer Mietwohnungsbau. Und dann ist die Etappe geschafft.

Weitere Infos

  • GPX-Track: Ganz erstaunlich, ich konnte keinen finden.Es gab welche für Radfahrer, aber ich bin mir nicht sicher, ober der Wanderweg und der Fußweg immer identisch sind. Für die von mir gelaufene Etappe gibt es nun einen Track bei Komoot
  • Offizielle Information auf Hamburg.de: Wandern auf dem Grünen Ring

 

weg 11

haus am deich

Advertisements

3 Gedanken zu “Hamburg: Grüner Ring (8). Finkenwerder – Heimfeld

  1. Das ist ja eine tolle Wanderung! Werde ich mir merken und bin gespannt auf die folgenden Etappen. Liebe Grüße, Stefanie

  2. Ich finde das toll, dass du deinen Stadtwanderungen treu bleibst. Für mich wäre das zur Zeit nichts. Aber das kann ja auch wieder kommen.

    1. Jo, so ist das. Es gibt einfach immer noch so viel zu entdecken, selbst nach Jahren noch. Manchmal erschreckt es mich ein bisschen, dass das Reiseglück direkt vor der Tür liegen kann. Aber wenn ich dann mal um Hamburg rum bin, suche ich mir was schönes Neues aus. Es lebe die Vielfalt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s