Stadtwandern in Berlin: Innerer Parkring (2), Friedrichshain – Charlottenburg

Grüner Hauptweg 18 - Innerer Parkring
Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter ODbL

Heute ging’s mal wieder auf eine Stadtwanderung durch Berlin. Es muss ja nicht immer pure Natur sein, auch städtische Gegenden haben ihren Reiz.

Nach der heftig urbanen und szenemäßigen 1. Etappe ging es auf dem Inneren Parkring von Friedrichshain weiter nach Nordwesten, Richtung Tegel und Charlottenburg.

Wieder eine Feierabend-Tour und ich wusste am Anfang nicht, wie weit ich im Tageslicht überhaupt noch kommen würde.

Prenzlauer Berg

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Rinderstall, Zentralvieh- und Schlachthof, Prenzlauer Berg, Berlin, 2009-07-05“ von SternEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Bald hinter der Frankfurter Allee war es mit dem Szeneviertel aus und der Weg führte durch eine ziemlich blutige Vergangenheit.

Als noch niemand an vegane Ernährung dachte und das Töten von Tieren mitten in der Stadt völlig normal war, lag hier Berlins zentraler Vieh- und Schlachthof. Hunderttausende Tiere wurden jedes Jahr verarbeitet.

Das Areal wurde in den letzten Jahren teils umgenutzt und überbaut, aber es gibt noch einige Gebäude aus der aktiven Zeit des Schlachthofs. Zum Beispiel das Metallgerüst der Hammelauktionshalle oder die Hallen, in denen heute die Event-Location „a.station“ auf bessere Zeiten wartet.

Vorbei ging es dann am Europasportpark und dem Velodrom mit seiner seltsam eingebuddelten, aber interessanten Architektur.

Und dann kam der Anton-Saefkow-Park. Ach du meine Güte, diese Grünanlage müssen die Stadtplaner über Jahre hinweg komplett vergessen haben. Ich habe schon lange keine Parkanlage mehr gesehen, die so vernachlässigt ist. Glaubt mir, hier grillen nur die Härtesten.

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Berlin Zeiss Großplanetarium“ von PedelecsEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Kurz vor der Stargarder Straße mit ihren Geschäften für’s betuchte Publikum gab es im Thälmannpark ein größeres Plattenbauensembel als Kontrastprogramm zu sehen.

So hat man sich also zu DDR-Zeiten die Errungenschaften einer modernen Großstadt vorgestellt. Die Platten genießen ja nicht unbedingt den besten Ruf. Ok, vielleicht vor allem bei Leuten, die sie nicht wirklich kennen. Auf jeden Fall gibt es um die Gebäude herum viel Grün, das macht gar keinen schlechten Eindruck.

Am Rand der Anlage steht das beeindruckende Zeiss Großplanetarium – schade, derzeit geschlossen.

Gesundbrunnen

Das Schöne am Wandern ist, dass man auch in vermeintlich gut bekannten Gegenden unverhofft schöne Stellen findet und die Zeit hat, um diese ein bisschen zu genießen. Im normalen Alltag rauscht man achtlos daran vorbei und hat weder Zeit noch Lust, sich irgendwelche Gedanken über Details zu machen.

Mir ist es mit dem Kirschblütenweg so gegangen. Diese schöne kleine Allee erreicht man kurz nach der Überquerung der Bösebrücke. Wie es hier wohl aussieht, wenn Kirschblüte ist … ich war begeistert und beschloss, unbedingt im nächsten Frühjahr wieder hier vorbeizuschauen.

Möbel-Ensamble im alten Blumenladen
Möbel-Ensamble im alten Blumenladen

Weiter ging es über gleich zwei nebeneinander liegende Friedhöfe. Das ist nicht unbedingt Jedermanns Sache. Ich finde es jedenfalls gut, immer wieder mal zum Nachdenken angeregt zu werden. Und gerne auch über die letzten Dinge, das ist schließlich auch ein Teil des Lebens. Wobei die Friedhöfe der heutigen Etappe eigentlich mehr Parkanlagen sind.

Kurios war ein stilechtes 50er-Jahre-Möbel-Ensemble in einem alten Blumenladen am Rande des Geländes. Also, wenn da nicht ein Künstler die Hände im Spiel hatte, so sorgsam arrangiert, wie das aussah.

Reinickendorf

Bald darauf kratzte der Weg kurz den Rand von Reinickendorf und erreichte damit seinen äußersten nördlichen Punkt. Auerhaoha, wer noch nicht weiß, wie sich die Einflugschneise eines Flughafen anfühlt, kann hier eindrucksvoll seinen Erfahrungsschatz erweitern.

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Wikipedia knorke zermatter strasse reinickendorf 10.06.2012 14-21-24“ von Dirk Ingo FrankeEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons.

Alle paar Minuten schwebten landende Flugzeuge herein und folgten fast exakt dem Straßenverlauf der Zermatter Straße. Das war ganz schön laut.

Ich kann mir jetzt lebhaft vorstellen, wie es wohl im Schillerkiez gewesen sein muss, als der Flughafen Tempelhof noch in Betrieb war. Wer hier wohnt, braucht ein tolerantes Gemüt oder muss schwerhörig sein.

Wedding

Auf dem Weg zum Volkspark Rehberge ging es dann durch aufgeräumte Wohnstraßen mit langgestreckten Mehrfamilienhäusern. Alles penibel gepflegt, geradezu schwäbisch sozusagen. So kenne ich den Wedding doch gar nicht. Welch ein Kontrast zum Szene-Kiez in Friedrichshain, in dem ich die Etappe begonnen hatte.

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Wedding Müllerstraße Centre Francais-003“ von Fridolin freudenfett (Peter Kuley)Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Nach dem Krieg gehörte diese Gegend zum französischen Sektor West-Berlins. Das hat durchaus Spuren hinterlassen, zum Beispiel gibt es ein Centre Francais mit eigenem Eiffelturm vor der Tür.

Und die Footballspieler der Berlin Adler spielen natürlich im Stade Napoléon. Heute war Training und die Spieler versuchten immer wieder, sich in ihren superdicken Schutzanzügen umzuschmeißen. Die Spielregeln sind mir ein Rätsel, aber es sah jedenfalls interessant aus.

Meine Etappe näherte sich jetzt langsam aber zwangsläufig ihrem Ende, denn es wurde ziemlich schnell dunkel. Mist, erst Juli und schon machte es sich bemerkbar, dass die Tage wieder kürzer wurden.

Charlottenburg-Nord

Schnell überquerte ich den Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal und eilte durch den Volkspark Jungfernheide. Von diesem Park habe ich so gut wie gar nichts mehr gesehen. Es war richtig dunkel geworden und mein GPS-Empfänger musste mir helfen, die richtigen Abzweigungen zu erwischen. Kanal

Bald hatte ich die nächste beleuchtete Straße und auch den Anschluss an das U-Bahn-Netz gefunden. Jakob-Kaiser-Platz, das war perfekt. Von hier aus konnte ich mit der U7 direkt nach Neukölln fahren.

Aber vor der U-Bahn lag der Tunnel und darin ein Imbiss mit Getränke-Kühlschrank und lokalen Wurstspezialitäten. Hier war es um mich geschehen, ich vernaschte die gefühlt beste Currywurst seit Jahren und ein großes norddeutsches Pils. Die Jungs wissen gar nicht, wie gut sich das nach rund 20 Kilometer Wanderung anfühlt.

Weitere Informationen

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4 Gedanken zu “Stadtwandern in Berlin: Innerer Parkring (2), Friedrichshain – Charlottenburg

  1. Gefällt mir! Die Wirkung ist eine andere, als in der Natur zu wandern, aber ich stimme dir ganz zu, dass auch eine Stadtwanderung etwas sehr, sehr Spannendes sein kann. Ich finde das eine unheimlich interessante, beinahe intime und gleichzeitig flüchtige Art, eine Stadt neu zu erfahren und besser kennenzulernen. Tolles Projekt jedenfalls.

    1. Das hast du gut beschrieben. In der Tat nimmt man seine Umgebung beim Stadtwandern ganz anders wahr als bei kleinen Runden mal eben kurz um die Ecke. Gerade wenn es so vielseitig ist wie in Berlin ergeben sich immer wieder unerwartete Einsichten und Ausblicke. Ich kann es nur empfehlen.

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