Der Fernbus macht’s möglich: IRE Hamburg – Berlin

Seit Mitte 2014 bietet die Deutsche Bahn mit dem Interregio-Express zwischen Hamburg und Berlin eine langsamere, vor allem aber günstigere Alternative zum ICE an. Dem Erfolg der preiswerten Fernbus-Verbindungen ist es sicher zu verdanken, dass die Bahn sich an günstige und konkurrenzfähige Angebote herantraut, die aber nicht gleichzeitig den eigenen ICE noch mehr Kunden wegschnappen sollen.

Nun gibt es also den IRE, mit dem es in mehr als 3 Stunden von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof geht. Für knapp 30 Euro, hin und zurück. Ich fahre sonst immer mit dem ICE, aber ich probiere gerne mal was Neues aus. Also rein in den Zug und auf geht’s nach Hamburg.

Charme der 80er in pastell und jede Menge Stauraum

Da war ich aber platt. Von außen ist der Zug rot lackiert und sieht ganz harmlos wie ein regulärer Nahverkehrszug aus. Aber innen drin herrschen die Pastellfarben der 80er Jahre vor: Viel mintgrün, aber auch hellgrau, hellblau und beige. Dazu eine Decke in Wellenform und farblich passende Gardinen vor den Fenstern. Man kommt sich ein kleines bisschen vor wie in einem Design-Museum. Normalerweise mache ich einen großen Bogen um diese Wagen, weil die Aufteilung des Großraums für meinen Geschmack ziemlich ungemütlich ist und eine Klimaanlage fehlt. „Große Fenster klassisch zum Öffnen,“ umschreibt die Bahn das geschickt. Und es stimmt.

Ok, der Gerechtigkeit halber ist zu sagen, dass dieses Museum echt gut in Schuss ist. Bei der Instandhaltung scheint die Bahn keine Kompromisse einzugehen. Keine Traum in pastellabgerissenen Gardinen, die Armlehnen aus Holz wie neu. Und wirklich beeindruckt hat mich ein komplett leergeräumtes Abteil. Keine Sitze drin, sondern einfach nur jede Menge Platz für Gepäck. Wenn ich daran denke, welche Diskussionen ein Freund von mir ausgelöst hat, als er mal einen Sessel im ICE mitnehmen wollte… Und hier ist sogar Raum für eine ganze Sitzgruppe, man könnte gleich Platz nehmen. Für Familien mit Kinderwagen und dem ganz großen Gepäck ist das auf jeden Fall perfekt.

Um mich herum eine bunte Mischung von Leuten unterschiedlichsten Alters. Die üblichen Geschäftsleute fehlen allerdings. Die freuen sich bestimmt darüber, dass in ihrem ICE dank Bussen und IRE ein bisschen mehr Platz ist.

Die Strecke und das Problem mit der Pünktlichkeit

Dass der IRE den schnellen Zügen nicht im Wege ist und sich dauernd überholen lassen muss, liegt an der Wahl der Strecke. Es geht nicht über Ludwigslust und Wittenberge, sondern weiter südlich über Stendal, Salzwedel, Uelzen und Lüneburg. Wer oft zwischen Berlin und IREHamburg unterwegs ist, kennt die Strecke gut: Bei Baustellen, Hochwasser oder sonstigen Behinderungen werden die ICE gerne mal umgeleitet und tuckern dann ein gutes Stück durch Sachsen-Anhalt ihrem Ziel entgegen.

Besonders tückisch ist der Abschnitt zwischen Uelzen und Stendal. Kaum zu glauben, aber da gibt es wirklich noch eine eingleisige Strecke. Ein echtes Nadelöhr mit der Gelegenheit zu vielen Pausen, wenn auf einen Zug aus der Gegenrichtung gewartet werden muss. Wenn da mal was aus dem Takt gerät, kommt gleich der ganze Fahrplan ins Rutschen. Ohne diese Strecke könnten die Züge vielleicht ein gutes Stück schneller als die Busse sein. Aber so steht’s in Sachen Geschwindigkeit am Ende ungefähr 1:1.

Gut was los auf den Bahnhöfen zwischen den Metropolen

Eigentlich ist der Zug als Antwort auf die Fernbusse gedacht und soll die Menschen von einer Großstadt in die andere bringen. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die Bahnhöfe unterwegs mindestens so wichtig oder vielleicht sogar noch wichtiger sind als Start und Ziel. Viele Leute fahren gar nicht die komplette Strecke.

Das stimmt auch in meinem Fall: Ich wollte von Berlin nur bis nach Hamburg-Harburg fahren. Der besondere Reiz liegt in der Tatsache, dass ich dafür nicht umsteigen muss. Denn der ICE fährt in Hamburg bis zum Hauptbahnhof, dann geht’s mit der S-Bahn weiter raus nach Harburg. Durch die direkte Verbindung mit dem IRE ist der Zeitverlust gegenüber der schnellen Verbindung gleich viel weniger dramatisch.

Bahn oder Bus?

Für Familien und Leute mit Fahrrädern ist der Zug auf jeden Fall die erste Wahl, gar keine Frage. Für geübte Bahnfahrer ist der IRE auch eine praktische Sache. Mit fehlenden Steckdosen kommt man schon klar. Brauchbares Internet als Teil des Fahrpreises ist man ja nicht mal von den Fernverbindungen gewohnt. Aber für die jüngere Zielgruppe könnten diese Details am Ende entscheidend sein, da mag der Bus einfach cooler und derzeit (immer noch) preiswerter sein.

IREDer IRE kostet 19,90 Euro für die einfache Fahrt und 29,90 Euro hin und zurück. Der Preis ist fix. Es gibt keine Rabatte, dafür wird es aber auch bei spontanen Buchungen kurz vor der Abfahrt niemals teurer.

Der Bus kostet bei geschickter Planung 18 Euro – dieses Preisniveau kann die Bahn dann doch nicht schlagen. Richtig weh tut es übrigens, wenn man sich für die Fahrt eine Reservierung gönnen will. Denn die schlägt mit 4,50 Euro pro Strecke so richtig ins Kontor, das wären dann mal eben 25 Prozent des Fahrpreises. Auwei.

Weitere Infos

Homepage der Bahn für den IRE

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