Pilgern in Hamburg: Der Jakobusweg

Hafencity

Harburg

Eine Pilgerwanderung zu beginnen, ist selbst abseits der berühmten Pilgerwege kein Problem. Auch in Hamburg führen gleich mehrere Pilgerwege mitten durch die Großstadt und einige Kirchengemeinden bieten kurze Pilgertouren in ihrer Umgebung an.

PilgerwegeWie passend, dass direkt vor meiner Haustür der Jakobusweg verläuft, der von der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg zur Mauritiuskirche in Hittfeld führt. Insgesamt ist die Strecke rund 30 Kilometer lang, was ungefähr 6 Stunden Bewegung bedeutet – plus Pausen natürlich. So viel Zeit wollte ich mir bei meinem ziemlich spontanen Entschluss allerdings nicht nehmen, deshalb habe ich mich für das 20 Kilometer lange Teilstück vom Außenmühlenteich in Harburg bis in die Hamburger Innenstadt entschieden. Da sollte sich am Ende des Weges doch gleich eine Gelegenheit ergeben, einen Pilgerausweis in die Tasche zu stecken und den ersten Stempel nach Hause zu bringen.

Warum Pilgern und nicht Wandern? Keine ganz einfache Frage, denn gewandert bin ich schon viel. Aber noch nie gepilgert. Es hat sicher mit der Suche nach einer spirituellen Erfahrung zu tun. Und dem Wunsch nach ursprünglichen, echten Erfahrungen und nach Einfachheit, nach der Wirkung selbst der kleinen Dinge am Wegesrand. Eigentlich würde sich dafür der Weg aus der Stadt heraus in Richtung Land anbieten, von der Komplexität  und dem Getümmel hinein in die Ruhe der Natur. Aber es sollte nun andersrum sein. Ich war gespannt auf meine Erfahrungen. Mit leichtem Gepäck und warm eingepackt ging es los. Kragen hoch und Mütze auf, denn Ende Dezember kann es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ziemlich frisch werden. Vor allem auf den beiden Brücken über die Elbe.

In Harburg führt der Weg am Außenmühlenteich vorbei und über den Alten Friedhof. Schon bei der Kirche St. Johannis am Rand der Harburger Innenstadt begegne ich dem Thema, das mich noch den ganzen Weg gedanklich begleiten sollte: Migration, die Ein- und Auswanderung. Pauschale Aussagen über „richtige“ oder „falsche“ Motive von Migranten und Asylsuchenden sind meiner Meinung nach weder möglich noch sinnvoll. Entscheidend ist vielmehr, dass es sich um Menschen handelt.

Cafe_RefugioDas Kriegerdenkmal vor der Kirche erinnert daran, dass auch die deutsche Geschichte immer wieder von Gewalt, Vertreibung und Flucht erzählen kann. Und nur ein Paar Schritte hinter dem Rücken des Soldaten hat die Kirchengemeinde Ende 2014 das Café Refugio eröffnet, in dem Bewohner der Flüchtlingsunterkünfte, aber auch andere Besucher einen Ort der Ruhe, der Entspannung und der Begegnung finden können.

Weiter geht es über den Harburger Rathausplatz zum Binnenhafen. Der Weg führt an der mehr oder weniger stillgelegten Dreifaltigkeitskirche vorbei. Hier haben Demografie und Migration tiefe Spuren hinterlassen, denn der innerstädtisch geprägten Gemeinde sind buchstäblich die Mitglieder ausgegangen. Die Konsequenz war schon vor Jahren eine Fusion und die Aufgabe des regelmäßigen Kirchenbetriebs.

KanalplatzGanz anders sieht es im Binnenhafen aus. Dort stehen alle Zeichen auf Entwicklung und die verbliebenen alten Gebäude sind von Baustellen umzingelt. Direkt am Wasser entstehen attraktive Wohnquartiere, hochwertiges Gewerbe soll hier angesiedelt werden. Die maritime Lage hat ihren besonderen Reiz und das eine oder andere Gebäude wird mit einer eigenen Marina geschmückt. Manchmal sogar im eigenen Untergeschoss. Und auch hier wird es demnächst Flüchtlinge geben. Aber sicher nur, weil die meisten Gebäude noch lange nicht fertig sind und sich deshalb zu wenige einflussreiche Nachbarn beschweren können. So wie das in anderen Stadtteilen schon geschehen ist. Wenn das Wetter wieder mitspielt, soll am Kanalplatz ein Wohnschiff für Flüchtlinge vor Anker gehen und mehr als 200 Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf bieten.

Zwischen Süder- und Norderelbe

Nach Durchquerung des Binnenhafens geht es auf der Alten Elbbrücke über die Süderelbe nach Wilhelmsburg. Nächste Station ist der Friedhof Finkenriek. Viele Gräber wurden in den letzten Tagen gepflegt und geschmückt, die Angehörigen denken in den Weihnachtstagen an ihre verstorbenen Angehörigen. Hier und da brennt eine Kerze.Pilgerzeichen Die Namen auf den Grabsteinen zeigen auch hier, dass viele in Wilhelmsburg gestorbene Menschen ihre Wurzeln in anderen Ländern hatten, zum Beispiel in Polen. Am nördlichen Ende des Gräberfeldes kommen dann zwei Dutzend Gräber, die sich so gar nicht in den rechtwinkligen Grundriss einfügen wollen. Seltsam quer liegen sie zu den Wegen: Sie sind nach Mekka ausgerichtet. Damit hatten die Planer der Friedhofsanlage seinerzeit sicher nicht gerechnet. Bei knapp 20.000 Muslimen in Wilhelmsburg sind es bis heute nur erstaunlich wenige Bestattungen. Wenn es um das Leben nach dem Tod geht, vertrauen die nachfolgenden Generationen offensichtlich immer noch eher der alten Heimat als der neuen.

Weiter geht es durch den alten Ortskern von Wilhelmsburg. Hier scheint die Zeit mehr oder weniger stehen geblieben zu sein, welch ein Kontrast zu den pulsierendenEindeichung Hafenregionen. Das älteste Haus Wilhelmsburgs, das Heimatmuseum und die Wilhelmsburger Mühle. Die reinste Idylle, man würde es im Schatten der Hochhäuser von Kirchdorf Süd kaum vermuten.

Mitten drin das etwas versteckte Denkmal zur Erinnerung an die Flut von 1962. Die Geschichte der Eindeichung Wilhelmsburgs erinnert daran, wie abhängig die gesamte Insel von einer funktionierenden Flutsicherung ist.

Dove_ElbeEntlang der Dove Elbe wird es dann für eine kurze Zeit richtig naturnah. Eine letzte Verschnaufpause, bevor es direkt an den Bahngleisen zur Veddel und so richtig in die Großstadt geht.

Dieser Stadtteil ist mit ca. 60 Prozent Ausländern ganz erheblich von Migration geprägt. In der Stadtteilschule haben rund 90 Prozent der Schüler eine andere Muttersprache als Deutsch. Und bevor ich aus der Natur kommend in die städtischen Straßenschluchten eintauchen kann, führt mich der Weg ausgerechnet an der Ballinstadt vorbei. Dem Auswanderermuseum, für das der Hamburger Hafen der „port of dreams“ ist.

Ballinstadt_webGerade habe ich noch die ganze Aufregung um die Einwanderer aus aller Welt im Kopf, da begegnet mir hier die Auswanderung als Abenteuer, bei dem wir die Beweggründe der Menschen nachvollziehen können und mit Sympathie betrachten. Was haben die damals nicht alles geschafft! Bei aller Schwere der Verhältnisse ist auch immer ein Schuss Romantik mit dabei. Es ist eben doch ein ziemlicher Unterschied, ob die Menschen in die Fremde gehen oder aus der Fremde kommen. Besser kann man das an einem einzigen Ort kaum auf den Punkt bringen.

Mitten durch die Veddel hindurch führt der Weg in Richtung Norderelbe. Kurz vor der Brücke kommt man an der alten Zollstelle vorbei. Doch die Grenze zum Freihafen ist mittlerweile längst Geschichte, die Gebäude sind verwaist. Ich weiß nicht, ob ein Pilgerweg zur Zeit des Freihafens überhaupt möglich gewesen wäre. Aber heute sieht man hier nur noch die Reste, einen ziemlich unwirtlichen Tunnel und dann die Brücke mit diversen Fahrbahnen und Gleisen. Als Fußgänger fühlt man sich ein bisschen verloren.

Hafencity und Zentrum

Jakobusweg_gpx
Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter ODbL

Wenn man es auf die Freihafenelbbrücke geschafft hat, bietet sich von hier ein herausragender Blick über die Türme Hamburgs. Das GPS-Gerät mit der Karte und dem darauf eingezeichneten Pilgerweg kann ich jetzt endgültig in die Tasche stecken. Die Jacobi-Kirche ist schon in Sichtweite und außerdem ist der gespeicherte Track hier nichts mehr wert, weil die Baustelle der Hafencity den nächsten Wegabschnitt komplett umgekrempelt hat. Nur mit der Wegmarkierung, einer gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund, würde man übrigens nicht unbedingt auf dem richtigen Weg ans Ziel kommen. Stellenweise ist die Kennzeichnung lückenhaft, Markierungen wurden zerstört und nicht wieder ersetzt. Also immer eine Karte oder noch besser den GPX-Track dabei haben, dann ist es überhaupt kein Problem.

In dem nun folgenden Bereich der Hafencity soll sich bis 2020 ein urbanes Wohn- und Freizeitquartier mit gut 1.800 Wohnungen  und ca. 2.500 Arbeitsplätzen entwickeln. Aber heute ist hier einfach nix außer platten Baufeldern. Trotzdem verirren sich schon Touristen in dieses Niemandsland zwischen Elbbrücken und dem schon bebauten Areal hinter der HafenCity Universität. Das finde ich seltsam.

Ökumenisches ForumKurz vor dem Ende macht der Weg noch eine kleine Schleife zum komplett neu gebauten Ökumenischen Forum. Neunzehn Hamburger Kirchen haben hier eine Kapelle inmitten des Umfeldes von Innovation, Konsum und Geschäftigkeit geschaffen. Ein idealer Ort, um zum Abschluss der Pilgerwanderung darüber nachzudenken, dass es Dinge gibt, die über das Sichtbare und Machbare hinausgehen.

Die Füße sind doch schon ein bisschen breit und platt, als die Türen von St. Jacobi sich hinter mir schließen. Das Ziel für heute ist geschafft. Zufrieden und um viele Eindrücke und Gedanken bereichert, stimme ich mich nach der einsamen Wanderung auf die Menschenmenge in der Mönckebergstraße und im Hauptbahnhof ein. Doch Moment, war da nicht noch was? Genau: der Pilgerausweis. Ich frage am Kirchentresen nach, von weitem lächelt mich schon der begehrte Stempel an. Aber nein, den Ausweis gibt es nur während der spärlichen Öffnungszeiten des Pilgerbüros. Na gut, so ganz ohne Bürokratie und irdisches Drumherum wäre das Pilgern ja auch wirklich zu einfach.

Links

Jakobusweg bei openstreetmap

Pilgerwege auf der Homepage von St. Jacobi

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7 Gedanken zu “Pilgern in Hamburg: Der Jakobusweg

  1. Ich bin über 20 Jahre nicht gewandert. Im Frühjahr habe ich mich dann auf Pilgerschaft in Spanien begeben und bin 340 km in 14 Tagen gepilgert. Die Erfahrung war großartig. Seit dem Sommer lege ich hier zu Hause auch regelmäßig kleine Wandertouren zurück, aber es ist etwas gänzlich anderes, da man sich im Kopf mit anderen Dingen beschäftigt.

    1. Absolut richtig, bei einer langen Pilgerwanderung macht man körperlich und seelisch sicher ganz andere und auch nachhaltigere Erfahrungen als bei einer Tour in der Nachbarschaft.

      Ich denke schon, dass eine kurze Pilgertour etwas anderes ist als z.B. eine „normale“ Wanderung. Aber der Kopf bleibt dichter am Alltag dran, du koppelst dich nicht so ab.

      Mit 340 Kilometern hast du wirklich ordentlich was geschafft. Das muss toll gewesen sein.

  2. Mensch, toll, der Bericht. Das pilgere ich vielleicht mal nach; anders herum. Von der Komplexität in die Ruhe (die Formulierung gefällt mir sehr). Danke für die Inspiration, Stefanie

  3. Ein sehr schöner Beitrag, der mich gleich 14 Jahre zurückversetzt hat, als ich das 1. Mal pilgern war. Die Wahrnehmung ändert sich, sobald man nicht nur wandert, sondern pilgert – und ich finde, das hast du sehr gut getroffen! Danke für deinen Beitrag und die Bilder!
    LG
    Anke

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